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BLOG vom: 16.04.2023

Altes Giftbuch entdeckt – Wurde Mozart vergiftet?

Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim

 


Giftbuch von 1895
 

Kürzlich entdeckte Apotheker Frank Hiepe (Co-Autor unseres Buches „Arnika und Frauenwohl“) in einem Arzneimittelschrank der ehemaligen Stadt-Apotheke in Zell im Wiesental ein Giftbuch aus dem Jahre 1895. Man ist erstaunt, welche starken Gifte, die heute nicht mehr von Apotheken ausgegeben werden, damals verkauft wurden. Damals wurden sogar Gifte in der Therapie verwendet. Ein Gift war wahrscheinlich für den frühen Tod von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) verantwortlich.

 


Eine Doppelseite des Giftbuches
 

Starke Gifte in Apotheken
Das Giftbuch wurde von Dr. Eduard Hiepe (1870 -1947) - Großvater von Frank Hiepe - angelegt und von anderen Apothekern später benutzt. Auf 88 Seiten (bis 1973) sind 1584 Einträge aufgeführt. Jede Giftabgabe musste penibel dokumentiert werden. Jede Doppelseite gibt Hinweise auf den Tag der Abgabe, Name des Giftes, Menge in Gramm, zu welchen Zweck das Gift vom Erwerber benutzt werden soll, Name, Wohnort des Erwerbers, Name des Abzuholenden und Name des Verabfolgenden. Der erste Eintrag war am 20. Juli 1895. Zahnarzt Ringwald aus Zell erwarb 20 g Oxalsäure zum Reinigen. Das Mittel wurde von Louise Ringwald abgeholt. Auch die Zuckersäure (Polyhydroxycarbonsäure) und das Kleesalz waren als Reinigungsmittel beliebt. Auch Bestandteile zur Tintenbereitung (Galläpfel, Vitriol, Gerb- und Gallussäure) wurde in der Apotheke verkauft.  Viele Landwirte und Hausbesitzer kamen in die Apotheke, um Arsenik, Phosphorpaste (Phosphorlatwerge, Phosphorbrei), Thalliumsulfat (Zeliokörner), Quecksilberchlorid, Kaliumcyanat, Strychninweizen und Giftweizen (Zinkphosphid, gibt es heute noch) zur Mäuse- und Rattenbekämpfung zu erwerben. Zweimal wurde Gift zur Katzentötung gekauft. 1971 besorgte sich ein Zeller 50 g Chloroform zur Präparation von Insekten. Während des Ersten und Zweiten Weltkrieges gab es wenig Eintragungen. Damals hatten die Leute andere Sorgen.

Im Giftbuch wurde auch ein rötlicher Zettel mit einer „Belehrung über die Gefahren beim Verkehr mit Giften“ aufgefunden. Beschrieben wurden die starken Gifte Arsenik, Arsenikpräparate („Schweinfurter Grün), Phosphorpaste und Strychninweizen.

„Die Rattenplage muss damals gewaltig gewesen sein. Dafür vertrieb die Apotheke Gifte wie Kalomel, aber auch die nur wenige Meter entfernte Drogerie Stutz,“ wusste Frank Hiepe zu berichten.

Frank Hiepe fand nicht nur das Giftbuch, sondern in einem Wandversteck hinter einem Arzneimittelschrank ein Versteck. Nach Entfernung der kleinen Tür, die mit einem Totenkopf und der Aufschrift „Phosphor“ versehen war, wurden 2 Gläser mit Inhalt aufgefunden.

Aus der ehemaligen Stadt-Apotheke, die inzwischen verkauft wurde, konnte Hiepe noch einige alte Geräte retten, so zum Beispiel eine Klistierspritze, zwei Waagen und diverse Arzneimittelgefässe.

 


Frank Hiepe mit Klistierspritze
 

Arsenik als Mordgift
Früher waren Arsenverbindungen, insbesondere Arsenik, die am meisten benutzten Mordgifte. Im 17. Jahrhundert versorgte eine Giftmischerin den französischen Hof mit Liebestränken und tödlichen Giften. 1677 befahl Ludwig XIV dem Polizeikommissar von Paris strenge Untersuchungen durchzuführen. Die Untersuchung ergab, dass zwei Hauptverdächtigte bei Hofe die nötigen Zutaten besorgt hatten. Unter anderem wurde der angesehene französische Apotheker und Chemiker Christophe Glaser beschuldigt, die Zutaten verkauft zu haben.  Er wurde jedoch entlastet, aber als Folge wurden Apotheker und Drogisten in Frankreich und später in anderen Ländern gesetzlich verpflichtet, ein Giftbuch zu führen. Die Käufer mussten nach Erhalt der Substanz gegenzeichnen.

Wurde Mozart vergiftet?
Die Zeiten sind längst vorbei, als Syphilis und chronische Hautkrankheiten mit einem giftigen Quecksilbersalz (Kalomel = Quecksilber(I)-chlorid) behandelt wurden. Es kam das Gerücht auf, dass Wolfgang Amadeus Mozart mit Quecksilbersalzen vergiftet wurde. Mozart war selbst überzeugt, dass er vergiftet wurde. Wenige Wochen vor seinem Tod während eines Besuches im Prater sagte er zu seiner in Zell geborenen Frau Constanze (1762-1842): „Gewiss, man hat mir Gift gegeben.“ Frank Hiepe dazu: „Kalomel erhielt Mozart gegen seine chronischen Verdauungsstörungen und Harnwegsinfektion. Mozart hätte wahrscheinlich länger leben können, wenn er nicht dieses toxische Mittel eingenommen hätte. Erstaunlich war, was dieser Komponist in seinem kurzen Leben von 35 Jahren alles an wunderbarer Musik geschaffen hat.“

Vor einigen Jahren hielt Hiepe einen Vortrag über Mozart und wies auch auf die Vergiftung von Mozart mit Kalomel hin.  Das Kalomel mit der Bezcichnung `schönes Schwarz` wurde lange Zeit gegen Entzündungen, Syphilis, Brechdurchfall und als Abführmittel verwendet. Niederländische Forscher glauben jetzt zu wissen, dass Mozart an einer bakteriellen Infektion litt. Diese führte aller Wahrscheinlichkeit zu einem chronischen Nierenversagen. Eine Schwägerin von Mozart hat damals in Wien die Krankheitssymptome geschildert.

Heute werden die erwähnten Gifte nicht mehr in Apotheken abgegeben. Diese haben Schädlingsbekämpfer übernommen. Gefahrstoffe und Betäubungsmittel sind jedoch über Apotheken erhältlich.

 

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