Textatelier
BLOG vom: 24.03.2024

Auf Pilzpirsch: Essbare von giftigen Pilzen erkennen

Interview mit dem Pilzsachverständigen und Pilzcoach Dennis Regul von Freiburg

Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D

 


Dennis Regul
 

Von den bei unseren Wanderungen entdeckten unbekannten Pilze sandte ich Fotos an Dennis Regul, Pilzsachverständiger, Toxikologe und Arzt zur Identifizierung. Trotz seiner vielseitigen Arbeiten war er immer bereit, uns Laien bei der Identifizierung zu helfen.

Er ist seit 2016 Pilzsachverständiger der Deutschen Gesellschaft für Mykologie (DGfM) und seit 2019 PilzCoach und Pilz-Coach-Ausbilder der Deutschen Gesellchat für Mykologie und seit 2020 Feldmykologe (hat Kenntnis von 200 Pilzarten), seit 2021 und 2022 Feldbotaniker (Kenntnis von vielen Pflanzenarten, Gräser). Seit 2022 ist er Kräuterpädagoge. Zusätzlich hat er nach Abschluss des Medizinstudiums 4 Jahre als Toxikologe an der Uniklinik Freiburg gearbeitet (hier befindet sich die einzige Vergiftungs-Informations-Zentrale in Baden-Württemberg). Aktuell ist Dennis Regul hauptberuflich in der klinischen Forschung tätig.

Er ist auch Leiter der Pilzschule. Sie wurde mit dem Ziel gegründet, über Pilze, deren sichere Bestimmung und der Vermeidung von Pilzvergiftungen aufzuklären. Als geprüfter Pilzsachverständiger bietet Dennis Regul Pilzberatungen, Pilzwanderungen und Pilzseminare an.

Hier das Interview, das ich für das Textatelier mit Dennis Regul führen durfte.

Die Leistung der Pilzschule ist enorm. Ihre Schule bietet Pilzwanderungen, Einstiegs-Pilzseminare und Giftpilzseminare an. Würden Sie uns kurz Infos zu den Seminaren geben?

Dennis Regul:

Bei den Seminaren geht es darum Pilzwissen in kompaktiver Form zu vermitteln. Da ich selber berufstätig bin, finden diese nur am Wochenende statt. Zurzeit biete ich zwei Seminare an: Ein Einsteiger-Pilzseminar und ein Giftpilz-Seminar. Beim Einsteiger-Seminar geht es darum die Grundlagen an die Hand zu bekommen um eigenständig und sicher Pilze sammeln zu können. Man erfährt, wie Pilze eingeteilt und die Merkmale benannt werden. Das Erlernte wird auch direkt bei der praktischen Pilzbestimmung umgesetzt. Auch die richtige Zubereitung und die Erste Hilfe bei Vergiftungen werden thematisiert. Nicht zuletzt wird aber auch die Ökologie der Pilze behandelt was sehr nützlich ist, um beispielsweise eigene Sammelgebiete zu finden. Abgerundet wird das Einsteiger-Seminar durch zwei Pilzexkursionen.

Das Giftpilz-Seminar richtet sich an erfahrenere Pilzsammler und Pilzsachverständige. Es werden die verschiedenen Vergiftungssyndrome thematisiert und gelehrt, wie man für Krankenhäuser, die Sporendiagnostik durchführen, um Giftpilze bei Vergiftungen anhand von Speiseresten oder Erbrochenem zu identifizieren.

Natürlich sind Pilze noch deutlich vielseitiger, Seminare wären zu zahlreichen Themen möglich. Leider ist mir das zeitlich nicht möglich. Wer aber beispielsweise mehr über bestimmte Pilzgattungen lernen möchte, kann sich auch an andere Pilzschulen wenden. Empfehlenswert ist beispielsweise die Pilzschule Schwäbischer Wald oder die Pilzlehrschau Hornberg.

 


Giftiger Pantherpilz (Foto: Dennis Regul)
 

Sie bieten auch Pilzberatungen und Pilzbestimmungen bei Pilzvergiftungen an. Wie oft sammelten Pilzfreunde falsche, alte und giftigen Pilze? Welche Pize werden häufig verwechselt?

Dennis Regul:

Am häufigsten werden zu alte Pilze gesammelt. Diese können Magen-Darm-Beschwerden verursachen. Daher sollte darauf geachtet werden nur die besten, schönsten und frischesten Pilze zu sammeln. Auch wenn es schwerfallen mag, somit die meisten Pilze im Wald zu lassen.

Dass Pilze verwechselt werden ist etwas seltener, kommt aber ebenfalls immer mal wieder vor. Typisch ist die Verwechselung von Echten mit Falschen Pfifferlingen oder von Fichtensteinpilzen mit Gallenröhrlingen, wobei diese Fälle nicht wirklich gefährlich sind. Auch häufig ist die Verwechslung von essbaren Champignonarten mit Gift-Champignons (Karbolegerlingen), wobei durchaus heftige Magen-Darm-Beschwerden möglich sind. Lebensbedrohliche Verwechslungen, beispielsweise von Gift-Häublingen mit Stockschwämmchen, sind glücklicherweise sehr selten.

Oft ist es so, dass Pilzfreunde per App oder Pilzbücher die Pilze identifizieren und dann doch die falschen in ihre Körbe legen. Was halten Sie von diesen Informationen?

Dennis Regul:

Sowohl Pilz-Apps als auch Pilzbücher funktionieren nicht ohne ein Mindestmaß an eigener Kompetenz. Bei Büchern ist dies meist klar, spätestens, wenn versucht wird die Beschreibung der Pilze zu lesen. Bei Apps ist das anders: Sie suggerieren, dass die Pilzbestimmung ganz einfach und ohne eigenes Wissen möglich wäre. Leider ist dem nicht so. Die Bestimmungsapps sind zwar in den letzten Jahren spürbar besser geworden, aber immer noch nicht genau genug. Selbst eine Fehlerrate von nur 1% kann fatale Folgen haben. Daher sollten sie nur als Hinweis genutzt werden. Wer ein Pilz essen möchte muss diesen entweder selber sicher ansprechen können oder eine Pilzberatung aufsuchen.

 


Krause Glucke (zum Größenvergliech mit einer Batterie)
 

Welche Menge an Pilzen darf in Baden-Württemberg gesammelt werden?

Dennis Regul:

Das Landeswaldgesetz legt fest, dass nur für den Eigenbedarf gesammelt werden darf. Der Eigenbedarf ist im Gesetzestext leider nicht genauer definiert, wird aber in den meisten Gegenden als 1kg pro Person und Tag interpretiert.

Oft herrscht die Meinung vor, dass nur im Herbst die meisten Pilze wachsen. Dabei gibt es fast zu jeder Jahreszeit Pilze in den Wäldern. Sie bieten Frühjahrs-, Herbst- und Winter-Pilzexkursionen an. Welche typischen Pilze werden in diesen Jahreszeiten gefunden?

Dennis Regul:

Tatsächlich gibt es das ganze Jahr über (Speise-)Pilze, zumindest solange es feucht genug ist. Im Frühjahr wachsen beispielsweise die begehrten Morcheln aber auch Maipilze. Im späten Frühjahr können sogar bereits die ersten Pfifferlinge oder auch Sommersteinpilze gefunden werden. Wenn es im Sommer feucht ist, können auch den ganzen Sommer über Steinpilze und Pfifferlinge gefunden werden. Im Herbst gibt es dann natürlich die größte Artenvielfalt. Aber auch im Winter gibt es noch Pilze. Typisch sind beispielsweise Austernseitlinge, Judasohren und Samtfußrüblinge.

Baumpilze sind echte Hingucker. Gefährden diese Pilze den Baumbestand?

Dennis Regul:

Bei den Baumpilzen gibt es zwei verschiedene Lebensweisen: Folgezersetzer und Parasiten. Folgezersetzer schaden dem Baumbestand nicht, da sie nur bereits abgestorbenes Holz befallen. Anders sieht es bei Parasiten aus, diese schaden den Bäumen. Allerdings ist es in der Praxis meistens nicht so einfach diese beiden Lebensweisen zu unterscheiden, da der Übergang fließend ist. Beispielsweise kann der Zunderschwamm bereits geschädigte Bäume befallen und diese somit gänzlich abtöten. Oft lässt ein starker Befall mit parasitischen Pilzen aber auf ein anderes Problem im Wald schließen, denn gesunde Bäume in einem intakten Lebensraum können sich erstaunlich gut gegen parasitische Pilze zur Wehr setzen.

Riesenpilze wachsen auch bei uns. Vor einigen Jahren entdeckte man bei Ehrsberg die Krause Glucke am Fusse einer Fichte mit einem Durchmesser von 40 Zentimetern (im Aargau wurde ein noch grösserer blumenkohlartiger Pilz am Stamm einer abgebrochenen Weisstanne entdeckt). - In der Schweiz bei Liestal sah ich während einer Wanderung den Eichhasen. Sind diese Pilze bei uns Raritäten und die größten Pilze?

Dennis Regul:

Es gibt einige heimische Pilzarten, die besonders groß werden. Beispielsweise der Riesenporling, der im Schwarzwald außerdem auch recht häufig ist. Die Krause Glücke ist ebenfalls nicht selten, zumindest in Kiefernwäldern. Da hier aber vergleichsweise wenig Kiefern vorkommen ist auch die Krause Glücke nicht ganz so häufig. Eichhasen sind aber tatsächlich nicht oft zu finden.

Von einem Schweizer Bekannten erhielt ich kürzlich einen interessanten Artikel über Pilze in einer Zeitschrift. Darin werden Pilze als Bausubstanz der Zukunft vorgestellt. So sollen zukünftig Pilzhäuser aus Pilzmyzel hergestellt werden können. Was ist Ihre Meinung dazu?

Dennis Regul:

Materialen aus Pilzen sind die Zukunft. Sie haben viele vorteilhafte Eigenschaften und lassen sich einfach herstellen. Allerdings denke ich hierbei eher Pilzleder, Verpackungsmaterial und generell alles, was in trockener Umgebung eingesetzt wird. Denn neben den vielen vorteilhaften Eigenschaften haben Materialien aus Pilzen einen Nachteil: Sie zersetzen sich in feuchter Umgebung. Angesichts der zunehmenden Verschmutzung der Umwelt mit Plastik kann das natürlich auch ein Vorteil sein, aber bei Baumaterialien sehe ich das nicht. Zumal bei feuchtem Pilzmaterial auch schnell Schimmel wächst, der sogar eine Gesundheitsgefahr darstellen kann.

Herzlichen Dank für das ermöglichte Interview für das Textatelier. Danke auch für das Bild vom giftigen Pantherpilz.

 

Internet, Email
https://pilz.schule
Email: pilzschule@dennis-regul.de
Buchempfehlung
Regul, Dennis; Wähnert, Veronika: „Praxisratgeber für Pilzsachverständige“, Eigenverlag.
https://pilz.schule/praxisratgeber-fuer-pilzsachverstaendige/

 

 

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